Die alte, große Höhle blitzt vor seinem inneren Auge vorbei — er selbst einen ganzen Kopf kleiner, wie er auf dem Wohnzimmerboden saß, von Metall und Schrott umgeben. Sein erstes Buch über Runen lag ihm zu Füßen, und in seinen Händen nahm sein allererster Runenschaltkreis Form an. In der Luft lag ein Geruch, der Mios Herz fast zum Zerbrechen bringt: Es roch nach seinem Lieblingsessen, Domsu mit Soße. Mio hat ganz vergessen, wie sehr er dieses Gericht gemocht hat.
Er rief: „Mutter, wo bist du? Lass mich dich wenigstens noch einmal sehen!" Dabei erreichte er die Küche und sah ihren Rücken für einen Augenblick. Dann zerbricht das Bild vor ihm, und er steht wieder in seiner Werkstatt, mit nassen Augen, die auf den Kristall starren.
Er hört aber noch die Stimme seiner Mutter, wie sie damals mit einem Teller voll Domsu und einem kleinen Bock zu ihm gekommen ist und sagte: „Seit Tagen sitzt du auf dem Boden. Iss doch erst mal etwas — ein kaputter Körper kann keinen gesunden Geist haben."
Mio wirft noch einmal einen Blick auf den letzten Kurig-Kristall in seinem Besitz. Vor seinem inneren Auge blitzen die Bilder der Vergangenheit mit seiner Mutter auf. Sie hat ihm diesen Kristall damals geschenkt, mit den Worten: „Ich weiß, dass du eine große Zukunft vor dir hast, aber bitte vergiss nie, dass eine Seele nicht allein von Erfolg leben kann." Diese Erinnerung lässt ihn innehalten. Will er diesen Kristall wirklich benutzen?, fragt sich Mio selbst. Als er jedoch dieses Zweifeln bemerkt, reißt er sich aus den Gefühlen. Es passiert jetzt immer öfter, dass seine Gedanken sich nicht mehr mit seinen Zielen decken. Und wie er das hasst.
Die Bedeutung dieses Vergleichs wird ihm selbst nicht einmal ganz klar: Der alte Kristall ist fast doppelt so groß wie der Ersatz. Es wird nie möglich sein, das entstandene Loch damit zu füllen.
Während seine rechte Hand noch auf dem Schalter ruht und Many hineinfließen lässt, zuckt seine linke Hand an der Außenseite des Zylinders wild hin und her. Überall, wo Mios linke Hand die Zylinderaußenwand entlangzuckt, sind nach dem Wegnehmen leuchtende Runen zu erkennen. Es braucht eine unglaubliche Hand-Augen-Koordination, bei dem engen Netz an Runen wirklich nur die gewünschte zu berühren. Dann auch noch innerhalb von Augenblicken die genaue Many-Welle auf sie zu übertragen, um die Rune in Aktion zu versetzen — bei jedem anderen Runenschaltkreis hätte das zu einer nahezu sofortigen Abstoßreaktion geführt.
Aber nicht bei einem Mio-Kaba-Original: Der Runenkreislauf ist von Mio genau für diesen Startvorgang entworfen worden, wie ein jedes seiner Babys. Der Runenschaltkreis ist so angelegt, dass an einem Punkt ein ständig wechselnder Many-Wellen-Impuls eingespeist wird — das macht Mio mit seiner rechten Hand. Und mit der linken setzt er an allen Schnittstellen und Kernrunen passende Impulse, um die Aktivierung des Runenschaltkreises zu verzögern, denn es muss erst bei jeder Rune die richtige Menge Many angekommen sein, bevor der Runenschaltkreis in volle Aktion treten darf. Denn ein Runenschaltkreis ist auf die Funktion eines jeden Mitglieds angewiesen.
Der Schweiß läuft an Mio herunter. In seinem Kopf geht er die Many-Wellen-Werte durch, die er mit der rechten Hand abgeben muss: 282, 749, −15, 76, 111, −22, −5 … Mio hat die genaue Reihenfolge aller notwendigen Hz-Werte wie immer längst auswendig gelernt. Er weiß aber auch, dass er aktuell etwas zu früh bei −5 angekommen ist: Seine linke Hand ist noch zwei Berührungen von der Rune entfernt, bei der −5 ideal gewesen wäre. Mio versucht also, seine linke Hand schneller zu bewegen, um den Rückmuss wieder einzuholen. Mio weiß dabei jedoch, dass mit jeder Sekunde, in der er den Rückmuss nicht einholt, die Spannung zwischen den Runen weiter steigt.
Nach fünf weiteren Runen kann er den Abstand auf eine Rune Abweichung reduzieren, doch mittlerweile sind die Runen schon so heiß, dass seine beiden Hände brennen. Links berührt er sonst immer mit dem Daumen oder dem Zeigefinger, doch die beiden sind schon so verbrannt, dass er sich nicht auf die Many-Übertragung konzentrieren könnte, wenn er sie benutzen würde. Also nimmt er den Mittelfinger. Rechts hat er nicht die Möglichkeit, den Finger zu wechseln, denn er kann es sich jetzt ganz sicher nicht erlauben, den Impuls der Dämpfungswelle zu unterbrechen.
Sieben Runen noch. Sein kleiner Finger blutet, weshalb er wieder beim Zeigefinger ist — doch der blutet jetzt auch. Fünf Runen noch: Jeder Finger seiner linken Hand blutet, und es ist ihm nicht mehr möglich, mit den Spitzen irgendetwas zu fühlen, also nimmt er seine Knöchel. Eine Rune noch — doch das Ende der Schwingungsabfolge ist erreicht. Mio reißt seine rechte Hand vom Knopf und nimmt den unverletzten kleinen Finger dieser Hand, um die letzte Rune zu berühren. Der Zylinder glüht nach der letzten Rune noch gute drei Herzschläge lang richtig hoch, doch Mio atmet schon entspannt aus, denn Hitze ist in diesem Fall der Weg, auf dem die Überspannung und die Strahlung im Kreislauf abnehmen.
Mio fällt auf seinen Stuhl und atmet schwer. „Das war viel zu knapp. Ich habe nicht bedacht, dass mit einem kleineren Kristall die Spannung und die Strahlung leichter steigen. Aber Ende gut, alles gut."
Schwer atmend und erschöpft flucht Mio wie schon so oft über das Los seiner Geburt. Wo das Aktivieren eines Runenschaltkreises normalerweise der leichteste Teil daran ist, hat Mio eine andere Meinung: Das Entwerfen eines Runenkreislaufes ist für ihn und sein Feingefühl für Many-Wellen immer leicht gewesen. Er kann Many-Wellen nahezu perfekt erspüren, wenn sie ihn berühren — doch das gilt nur für Dinge, die er berührt. Er ist eine absolute Niete, was Many außerhalb seines Körpers angeht, und das betrifft alles, was ihn nicht berührt.
Selbst das einfache Aussenden von Wellen, das in einer Rang-6-Welt jedes Kleinkind beherrscht, will ihm einfach nicht gelingen — das Weiteste, was er damit je erreicht hat, ist von seinem Daumen zum Zeigefinger. Und da jede Art von Zauber auf dem Aussenden von Many-Wellen aufbaut, ist er darin überall eine Null. Doch wenn er Körperkontakt mit etwas aufnimmt, dann übertreffen seine Präzision, seine Geschwindigkeit und seine Wahrnehmung die aller anderen, die er jemals getroffen hat. Deswegen ist Mio früh klar geworden, dass Magietech und Runencraft seine Bestimmung sind — auch wenn er dafür jeden seiner Runenschaltkreise von Grund auf selbst entwerfen muss.
Mio versucht sich daran zu erinnern, wie es beim letzten Zusammenbau um die Schwierigkeit der einzelnen Platten gestanden hat. Da er nicht eine wirklich prägende Erinnerung zu den Platten finden kann, wird er etwas selbstsicher und nimmt sich ohne große Pause die nächste. Er nimmt sie wieder in beide Hände und lässt dann entspannt seine Daumen kreisen. Dabei denkt er sich: War vorhin ja schon knapp genug, da kommt mir das gerade recht. Und mit dieser entspannten Haltung fängt er das Aktivieren der Platte an.
Es läuft auch ausgezeichnet, was in Mio zu einer unbewussten Entspannung führt — und drei Augenblicke später ist er drei Runen aus dem Takt, was zu einer sofortigen Körperanspannung bei ihm führt. Diese Anspannung löst in seinem rechten Daumen einen Krampf aus, und ehe er sich der Situation bewusst werden kann, ist er sieben Runen aus dem Takt, und die kleine Platte erzeugt eine Menge gelber Blitze in ihrer Mitte. Mio weiß, dass er nur noch Augenblicke hat, also springt er von seinem Stuhl und wirft die Platte in den Flur. Dann wirft er sich unter die Werkbank und rollt sich zusammen.
Er versucht sich aufzurichten, doch merkt erst dann, dass er sich nicht bewegen kann: Die Erschütterung hat ihn aufgeblasen. Zwischen Fell und Haut ist aus seinem Many in Sekunden der Gliber geschossen und hat ihn zu einer Kugel aufgepumpt. Er lässt sich also wieder das kleine Stück sinken, das er sich erhoben hat, und kann sich das Lachen nicht verkneifen. In seinem Kopf dreht und rödelt noch alles, doch ein Gedanke kommt ihm immer wieder: Da ist man ein Mal entspannt. Das Lachen will gar nicht mehr aufhören.
Es hat die Explosion ohne einen Kratzer überlebt, aber das ist für Mio nur selbstverständlich: Es ist das Herzstück des Sprung-Projektors, da es sowohl Navigator als auch Steuereinheit in einem ist. Zudem ist es Mios erstes Magietech-Gehirn, das genug Leistung hat, um einen Geoni[1] zu betreiben — auch wenn der Kleine nur Befehle annimmt und ausführt, und sprechen kann er auch nur so semi.
„Geoni, initialisiere Start", befiehlt Mio, und sofort erwachen die Lichter am Zylindergehäuse; auf dem kleinen Bildschirm steht nun „Running". Der Nebel an der Spitze des Zylinders nimmt damit auch schlagartig an Volumen und Dichte zu. Und nur Momente später quillt der Glitzernebel aus dem Zylinder und formt ein etwa fußballgroßes Oval mit Stummelärmchen und Glitzernebelschweif. In der Mitte des Ovals erstrahlen zwei große Glitzerbälle. Nachdem sich diese kleine Gestalt geformt hat, hört der Nebel auch auf, an Menge zu gewinnen. Und Mio befiehlt: „System-Check."
Geoni, auch Magietech-Geoni, Runengeoni oder Geco genannt. Magietech beschreibt im Allgemeinen den Versuch, mit Hilfe eines Runenschaltkreises ein Gehirn und auf höheren Stufen sogar eine Seele zu imitieren. Ein Geoni ist dabei eines der am weitesten verbreiteten Ergebnisse: einfach gesagt eine magische KI, deren Intelligenz und Rechenleistung vom Runenschaltkreis, also von der Komplexität des Magietech-Aufbaus, bestimmt wird. Sie werden zum Beispiel im Kern einer Verteidigungsmatrix eingesetzt, um alle damit verbundenen Verteidigungszauber und -funktionen überwachen und steuern zu lassen. Es gibt dann auch noch die höchste Klasse der Geoni: die Nous. Das sind Magietech-Aufbauten, denen es gelingt, eine künstliche Seele zu erschaffen — ein Nous hat also ein echtes Bewusstsein. In seltenen Fällen, unter der Bedingung, dass es den Magietech-Aufbau lange genug aktiviert gegeben hat, verschmilzt der Grundkreislauf aus Runen mit der künstlichen Seele, und so entsteht ein künstliches Lebewesen: ein Alpha-Nous. Aber das sind nur Legenden; wirklich gesehen hat man so einen Alpha-Nous noch nicht. Nous dagegen werden oft in den Rängen über 4 gesehen. Darunter können sie auch auftreten, nur braucht es dann einen sehr großen Magietech-Aufbau und/oder einen sehr guten Magietech-Ingenieur. → Magietech ↩︎